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In einem fernen Meer
lebte einst ein wunderschönes Drachenfischmädchen
namens Bärbel. Es war geschmeidig, klug und bunt,
d.h. es war eine perfekte Mischung zwischen Drachen
und Fisch. Viele andere Tiere und Bewohner des
Meeres beneideten Bärbel um ihre Abmessungen, ihre
Farben und nicht zuletzt, um ihre Gedanken.
Ich meine,
Seepferdchen zum Beispiel, sehen ja toll aus und
sind schon ganz schön beliebt.... Aber Drachenfische
sind noch viel, viel besser! Sie sind also sowieso
schon sozusagen die Luxusfische unter den
Meeresbewohnern, aber Bärbel, Bärbel war noch mal
etwas ganz besonderes.
Natürlich hatte sie
schon ihr ganzes Leben lang eine Menge Verehrer und
bekam schon seit ihrer frühesten Drachenfischjugend
ständig Geschenke und Liebesbriefe, aber nie hatte
sie Augen für einen der umtriebigen Werber.
Denn Bärbel hatte ihr
Herz an einen kleinen, dünnen Freund verloren der im
dunklen Korallenwald lebte. Jeden Tag schwamm sie
nach der Arbeit, wenn ihr Flugplan es zuließ, mit
einer kleinen Taschenlampe zu den Gehirnkorallen um
bei ihm zu sein. Nie sprachen die beiden ein Wort,
immer nur sahen sie sich still und leise an. Aber
Bärbel war so glücklich und fühlte sich so geborgen
wenn sie bei ihrem Freund war, da machte ihr das
kleine Kommunikationsproblem nichts aus.
Die anderen
Riffbewohner beäugten Bärbels Verhalten mit Argwohn.
Sie waren entweder eifersüchtig oder neidisch. Das
führte dazu, dass Bärbel immer mehr alleine gelassen
wurde und ein wenig vereinsamte. Sie verbrachte
immer mehr Zeit bei ihrem stillen Freund und ihre
Eltern begannen sich Sorgen zu machen.
Etwa zur selben Zeit
lief eine andere schöne Bärbel am Strand von
Mauritius entlang und genoß ein wenig ihrer freien
Zeit weil der Flugplan es zuließ. Der Sand war warm
und weiß, das Meer rauschte friedlich und sie
dachte, dass es ihr doch eigentlich gut gehen
sollte. Ihr nächstes Flugzeug würde erst in einigen
Tagen gehen, ihre Arbeit machte Spaß, das Buch was
sie momentan las war gut.... sie sollte glücklich
sein. Aber irgendetwas fehlte. Sie war nicht so
richtig glücklich.
Die Sonne schien ihr
auf die nackte Haut und kitzelte sie angenehm an
allen möglichen Stellen. Das war nicht schlecht,
fand Bärbel. Sie setzte sich auf einen schönen,
runden Stein und ließ die Füsse im Wasser baumeln.
Es war nichts neues, das man viele Freunde haben
konnte und sich trotzdem irgendwie alleine fühlte.
Hm. Das Meer jedenfalls, war warm und lieb.
Derweil im Riff: die
Drachenfischeltern beschlossen ihre kleine Bärbel zu
suchen. Denn sie sprach immer weniger zu ihnen und
kam meist viel zu spät nach Hause. So schwammen sie
in den dunklen Gehirnkorallenwald und riefen nach
ihr. „Bärbel! Wir sinds! Deine Eltern. Wo bist du
denn?!?“ Aber das kleine Drachenfischmädchen
antwortete nicht. Sie hatte sich an ihren starren
Freund geklammert und schlief ein wenig.
Als Vater und Mutter
Drachenfisch endlich ihr Töchterlein fanden, hatte
es sich in einem Stock verheddert und redete nervös
auf ihn ein. Die Eltern wunderten sich sehr.
„Bärbel, Kleine, was machst du denn da?“ fragten
sie. „Hä? Wieso? Ich betreibe ein wenig Konversation
mit meinem Freund! Was denn sonst? Und was macht ihr
hier eigentlich?“ Herr und Frau Drachenfisch sahen
sich irritiert und peinlich berührt an. „Nun, äh,
wir hatten uns Sorgen gemacht. Und, äh, also, wie
sollen wir sagen? Dein Freund, nun, äh, dein Freund
ist ein Stöckchen! Kein Fisch, oder eine Muschel,
oder so!“ Bärbel lachte, „Haha, was? Nein!?!“ Dann
schaute sie etwas überrascht. Sie fasste ein wenig
an ihrem Stockfreund herum, hielt inne.... und dann
entgleisten ihr allmählich, aber sicher, die
Gesichtszüge.
„NEEEEEEEEEEIIIIIIIIIIIIIIIIIIIIIIIIIIIN!“
Im gesamten Riff
konnte man ihren Schrei hören.... Das arme
Drachenfischmädchen! Die arme Bärbel!
Und dann rannte das
kleine Zauberfischmädchen – nein, natürlich rannte
es nicht, es schwamm wie der Wind – nein, nicht wie
der Wind, wie.... äh.... es schwamm wie.... Ich
habs: wie eine Sportmeerjungfrau. So schnell. Und
das ist sehr, sehr schnell. Bei Bärbel der
Drachenfischdame, kam jedoch noch eine gewisse
hektische, nervöse, ja panische Ungenauigkeit dazu.
Und diese Ungenauigkeit führte sie, mit großer
Geschwindigkeit zwar, aber doch direkt auf die Küste
zu. Und auf einen schönen, runden Stein.
Etwas kitzelte Bärbels
großen Zeh. Oder prallte dagegen. Und biss hinein.
„Aua!“ rief sie. Ein kleiner Stock hing an ihrem
Fuß. „Hllll“, sagte der Stock. Nein, das kann nicht
war sein, dachte Bärbel, der Stock hat nicht grade
„Hllll“ gesagt, es ist ja nur ein Stock. Also, so
etwas gibt es ja nicht. Andererseits hatte der Stock
sie ja auch irgendwie gebissen. Also nahm sie ihn
zur Hand und schaute ihm tief in die Augen. In die
Augen? Bärbel wunderte sich sehr. Der Stock hatte
Augen! „Hallo, ich heisse Bärbel und bin ein
Drachenfisch. Und du? Wer bist du?“. Bärbel war
etwas erschüttert. So doll hatte ihr die Sonne nun
auch nicht auf den Kopf geschienen. Naja, und weil
aber niemand in der Nähe war, beschloß sie, den
Kontakt aufzunehmen.
„So ein Zufall,“ sagte
sie zu dem kleinen Stöckchen. „Ich heiße auch
Bärbel!“ Das Drachenfischmädchen, das an Land noch
mehr ihrem mehr oder weniger imaginären Freund, dem
Stock, ähnelte, lachte erfreut. „Das ist aber toll!
Dann sind wir ja Schwestern! Aber du bist so
wunderschön.... Wie hast du das gemacht? Was ist das
denn zum Beispiel? Und das? Und was ist das?“ fragte
Bärbel aufgeregt und zeigte auf Bärbels Körper
herum. „Nun, also das sind Beine... Das? Das sind,
ähem, Brüste! Das sind Finger! Ja, Finger nennt man
die. Nein, Flossen habe ich nicht. Was? Das? Moment.
Das ist mein Hintern! Oh, Danke!“ Und so sprachen
die beiden, alberten ein bißchen und wurden
Freundinnen.
Als es langsam
dämmerte, wurde der kleinen Bärbel plötzlich ein
bißchen schwindelig, denn sie hatte ja jetzt schon
einige Zeit nicht mehr geatmet. „Hhhp“ sagte sie.
Und weil sie ihre neue Freundin nicht verlieren
wollte, faßte sie kurzfristig einen Entschluß: sie
machte große Augen und hüpfte der größeren Bärbel
mit einem kräftigen Satz in den Mund. Die große
Bärbel aber verschluckte den kleinen Drachenfisch
vor Schreck und fiel vor lauter Aufregung auch noch
ins warme Wasser.
Als sie sich wieder
gefangen hatte und in der leichten Brandung saß, die
Sonne am Horizont unterging und die Szenerie alles
in Allem immer kitschiger wurde, begann es auf
einmal überall in ihrem Körper zu kribbeln. Wie
kleine Tiere, die Wettrennen unter ihrer Haut
liefen, fühlte sich das an.... Nach ein paar
Sekunden war alles vorbei und – nun, Hunger hatte
sie jedenfalls nicht mehr.
„Was für ein durchaus
seltsamer Tag“, dachte Bärbel als sie langsam durch
den weichen Sand zurück ging. Sie strich sich die
Haare aus dem Gesicht und hielt inne. Inzwischen
hatte sich der Mond zu ihr gesellt und streichelte
ihren Körper, sanft und freundlich. Und wenn man
ganz genau hinsah, im Mondenschein, konnte man sie
beide sehen, den Drachen, und den kleinen Fisch –
wie sie es sich auf Bärbel gemütlich gemacht hatten.
Von diesem Abend an blieben sie bei ihr und
leisteten ihr Gesellschaft, jeden Tag und jede
Nacht.
Und natürlich mußte
man alles in Bärbel, also Abmessungen, Farben und
Gedanken, von diesem Abend an mal
Drachenfischmädchen-X nehmen.
Und alleine, alleine
fühlte sich Bärbel mit ihrem Drachenfischgeheimnis
sowieso nie mehr.
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