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Der Tag einer
Entscheidung rückte näher und es war mir gleich, es
interessierte mich alles nicht mehr. Mit dem Maße,
in dem die Perspektiven einer Zukunft voller
Reichtum und Liebesglück geschwunden waren, nahm die
Deutlichkeit des Gefühls auf dieser Welt völlig fehl
am Platz zu sein, stark zu.
Der Tag war schön, es
roch überall nach Sommer, neben mir saß ein
hübsches, leicht bekleidetes Mädchen, mein Getränk
war kühl, die Bar hell und am nächsten Morgen hatte
ich nichts zu tun. „Du bist schon ein komischer
Kerl“, sagte die Frau und lächelte mich an, „Aber
ich mag dich. Du hast so viel Phantasie, ich bin mir
sicher du wirst irgendwann mal berühmt. So etwas
spüre ich.“ Ich konnte mich nicht an ihren Namen
erinnern während sie sprach und immer wenn ich
wegschaute vergaß ich ihr Gesicht. „Hm? Irgendwann?
Was soll das? Wann sollte das ungefähr sein, hm?“
Nervös blickte ich wieder raus auf die Straße.
„Naja, daß du der schönste Mann in der Stadt bist
habe ich dir ja schon immer gesagt.“ Sie schaute
mich jetzt, glaube ich, erwartungsvoll an. „Weißt du
noch, wie wir früher...“ Ich leerte mein Bier, sah
in weiterhin ausdruckslose Gesichter um mich herum,
massierte angestrengt meine Kopfhaut. Ich schnitt
komische Grimassen weil mein Gesicht völlig
verspannt war und blickte ohne Grund nervös in der
Gegend herum. Leise und dann etwas lauter, weil
nichts passierte, sagte ich: „Computer: Programm
beenden!“ Ich hätte es in keiner Weise überraschend
gefunden, wenn sich daraufhin die Konturen um mich
aufgelöst hätten, alles nur ein schlechter Witz.
Aber der Strand, die Bar, das Mädchen, sie blieben.
Irgend jemand schien mir den Ton abgedreht und auf
Zeitlupen Wiederholung gedrückt zu haben, also ging
ich ohne Ton und in Zeitlupe nach draußen, auf die
Straße, Richtung Strand, Richtung Meer und ganz
langsam kamen mir die Sinne zurück.
Die Promenade wurde
leerer, die Palmen raschelten in meine Ohren und das
Meeresrauschen klang weniger aufgeregt als noch
eben, inmitten all der Leute. Ich blieb stehen und
schloß die Augen, atmete tief ein und aus. Das hörte
sich ungefähr so an: „Mhmpf“. Mir schwindelte und
ich stützte mich kurz auf der kleinen Steinmauer ab
die den Strand von der Promenade trennt. Ein
überfüllter Mülleimer, ein paar Leute die Fotos
machen. Das Meer rief ein wenig zu mir herüber und
ich lief über den Strand, zur Brandung, zog hastig
meine Schuhe aus und sah einen kleinen hölzernen
Steg am Anfang der Bucht. Dort schien es sehr
gemütlich zu sein. Der Steg war muschelig, veralgt
und einige Holzlatten fehlten, aber ich ging
trotzdem bis an sein Ende und setzte mich, die Füße
im kalten Wasser. Am Horizont waren keine Wolken,
der Himmel war strahlend blau und die Sonne machte
sich langsam fertig für den anstrengenden Untergang.
Auf einmal zwickte
mich etwas ganz leicht am großen Zeh. Erst tat ich
so als würde ich es nicht bemerken, aber dann wurde
das Zwicken immer stärker bis man es ein
ausgewachsenes Ziehen nennen konnte. Ich schielte
mit einem Auge auf das Wasser, aber es war dunkel,
ich konnte nichts sehen. Also beschloß ich meinen
Zeh herauszuholen. Dabei mußte ich mich stark
festhalten und alle verbliebene Kraft aufwenden,
denn an meinem Zeh hing augenscheinlich etwas
verdammt Großes. „Hllll...“ sagte da jemand.
„Bitte?“, fragte ich verwundert und sah, da hing ein
riesiger, weißer Hai an meinem Fuß und grinste mich
blöd an.
„Hallo, meinte ich,“
sprach er, „entschuldige, aber ich hatte deinen Zeh
im Mund, da fiel mir das Sprechen ein wenig schwer.“
„Hm, ja gut, verstehe. Aber warum kommst du
eigentlich so nahe an den Strand und ins Mittelmeer
und beißt mir in den Fuß?“, fragte ich, den
Umständen entsprechend etwas verwirrt. Der Hai
schaute nachdenklich in die Ferne und räusperte
sich. „Du warst allein, wir merken so etwas. Und
deine Füße haben mir gefallen. So etwas merken wir
auch, auf große Entfernung.“
Der Hai lehnte sich
mit einer Flosse auf einen großen Stein und machte
es sich bequem während er dem Treiben am Strand mehr
Beachtung schenkte. „Es ist schon komisch“, sagte
ich leise, „daß dies alles zusammen gehört, daß die
Hochhäuser dort, die vielen Menschen, die Bäume, das
Meer, du und ich, daß wir alle eins sind, letztlich.
Findest du nicht?“ Der Hai zog ein schlechtgelauntes
Gesicht. „Naja. Es ist schon erstaunlich. Wenige
denken so. Die Menschen bewegen sich „In der Natur“,
ich glaube sie haben nie begriffen daß sie die Natur
sind. Ihr übt Macht aus, zerstört und nennt es
freien Willen und hohe Intelligenz. Aber mit diesem
nicht Schritt aus der Natur heraus habt ihr euch
lediglich die Möglichkeit zur Selbstzerstörung
erkauft. Herzlichen Glückwunsch. Möchtest du ein
Kaugummi?“ Der bestimmt sechs Meter fünfzig lange,
weiße Hai griff behende in seine linke Hosentasche
und beförderte mühsam ein zerknittertes
Kaugummipäckchen heraus. Ich nickte und nahm gerne
eins. „Danke,“ sagte ich. „Du hast recht, glaube
ich. Das alles hat uns zu orientierungslosen
Hektikern gemacht. Und wir haben sogar extra und
plakativ Gott dazu abgeschafft.“ Ich plätscherte mit
meinen Füßen im Wasser herum und rieb meine Nase.
Die Luft tat mir sehr gut, ich fühlte mich besser.
Der elegante Hai sah derweil aus als müßte er sich
beherrschen nicht laut zu lachen. „Hihi, das ist
wirklich interessant, daß mit Gott. Und die Menschen
wundern sich daß er sie alleine läßt, hihi.“ Ich
verstand ihn nicht. Der Hai redete weiter: „Ich zum
Beispiel habe gerade noch mit ihm telefoniert. Wir
sprachen übers Wetter und über einige seiner
spannenden Projekte anderswo im Universum. Aber dann
riefst du nach mir und ich kam zu dir an den
Strand.“
„Ja“, dachte ich. „Ich
habe so deutlich gespürt, daß ich nicht hierher
gehöre, daß ich fremd bin in dieser Welt, da habe
ich nach dir gerufen. Weißt du, als ich klein war
habe ich mir oft vorgestellt was ich machen würde,
wie es wäre wenn ich auf einmal etwas fände das
nicht möglich ist. Zum Beispiel eine Stelle an der
Nichts ist. Ich stellte mir vor, hinter einem Busch
im Wald oder sonst irgendwo, wäre ein Fleck Welt
nicht fertig geworden, ein Stückchen Nichts. Was
würde ich dann tun, was würde ich denken? Ich habe
das immer für eine gute Idee gehalten und mich
innerlich darauf vorbereitet diese Unmöglichkeit zu
finden, dieses Eine das alles andere ad absurdum
führt, dieses Eine nach welchem alles zu Ende geht.“
Der Hai schwamm vor
mir ein paar Kreise und vollbrachte dann ein
albernes Kunststück. „Und weißt du noch was!?“ rufe
ich zu ihm herüber. „Ich habe es gefunden. Es ist in
ihren Herzen, in ihren Herzen ist das Nichts!“ Mein
Freund kommt wieder nah zu mir und beißt mir ganz
leicht in den kleinen Zeh. „Kann ich mit dir gehen,
bitte?“, frage ich ihn und der Hai lächelt und sagt
nur, „Ja“. Ich lasse mich ins Wasser gleiten, umarme
den großen, weißen Hai und zusammen schwimmen wir
zurück ins offene Meer, zurück.
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