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Die See war
tiefschwarz an diesem Tag und Sakumi mußte seine
Extrascheinwerfer einschalten um durch die grüne
Infrarotbrille überhaupt irgend etwas zu sehen.
Selbst bei ruhigen Verhältnissen war es nicht
einfach den Walhai zu lenken und der Pilotfisch war
dementsprechend stolz darauf für diesen Auftrag
ausgewählt worden zu sein - und auch auf seine
Pilotenlizenz, welche sogar plus Extra - Gefahr
galt. Es gab nicht viele die Aufträge bei solch
widrigen Bedingungen annahmen, aber Sakumi war jung
und brauchte das Geld.
Hinter ihm blinkten
matt und monoton die hellgelben Warnlichter welche
die gefährliche Fracht anzeigten, aber selbst er als
Pilot war nicht eingeweiht worden in ihr Geheimnis,
er wußte nicht im Ansatz um was es sich handelte. Es
mußte etwas sehr wichtiges sein, denn Sakumi war
angewiesen die normalen Walhaiwege abzukürzen und
durch verseuchtes Gebiet zu steuern. Um nicht zu
sehr zu leiden, trugen der Walhai und Sakumi
alberne, schwarze Gummimasken, aus denen seitlich
das ausgefilterte toxische Wasser matte, gelbe
Schlieren zog. Kein anderes Lebewesen durchschwamm
mehr diese Gebiete, es war schon lange viel zu
gefährlich die bereinigten Sicherheitszonen zu
verlassen. Ab und an konnte Sakumi mal einen Felsen,
oder vielleicht ein rostiges Fass erahnen, doch es
waren vielmehr gespenstische Umrisse, mal glaubte er
eine Bewegung zu sehen, oder ein Gesicht im Dunkel.
Dem kleinen Pilotfisch war es durchaus etwas
unheimlich und er versuchte sich auf den Kurs zu
konzentrieren. Er hoffte inbrünstig kein
Batrachotoxin geladen zu haben, denn das könnte nur
etwas ganz furchtbares, wie etwa einen neuen Krieg,
bedeuten.
Das Gift der
Pfeilgiftfrösche war vor einigen Jahren die Antwort
gewesen, auf die Zerstörung der Wälder und das
Vergiften der Meere. Innerhalb kürzester Zeit war
die Menschheit zwar keine Bedrohung mehr gewesen,
die Wiederherstellung der Natur war jedoch viel
schwieriger als viele gedacht hatten. Schon seit 25
Jahren war jetzt das Meer nur noch zu kleinen Teilen
bewohnbar und Land war sowieso nicht mehr viel
übrig. Eine neue Menschengefahr könnten sie jetzt
wirklich nicht gebrauchen, aber Sakumi fiel
eigentlich kein anderes Gefahrengut ein das jemand
überhaupt noch aufbringen könnte, nur Batrachotoxin,
das Menschengift.
Der kleine Pilotfisch
steuerte elegant an zwei schwarzen Rauchern vorbei
durch schwefelige, stinkige Luftblasen. Von hier aus
sollte es nur noch zwanzig Minuten dauern, dachte er
und gab noch mal ein wenig mehr Walhaigas. „Du hast
nicht zufällig eine Ahnung was wir transportieren?“
funkte Sakumi per Intraschall an seinen Walhaibus.
Aber auch der wußte nichts, die Auftraggeber im
indischen Ozean hatten scheinbar die allerhöchste
Geheimhaltungsstufe ausgegeben. Sakumi schluckte.
Einen Auftrag dieser Art hatte es ebenfalls 25 Jahre
lang nicht mehr gegeben. Die ganze Geschichte war
schon etwas mysteriös und dem Fisch unheimlich. Er
fuhr jetzt bestimmt seit sieben Jahren schon
Walhaie, er brachte Verpflegungen zu entlegenen
Aussenposten oder mal eine Brassenschulklasse auf
Klassenfahrt ins San Francisco Barrier Reef. Und
jetzt wußte er nicht einmal genau was er an den
angewiesenen Zielkoordinaten finden würde.
Als Sakumi den Walhai
drosselte und sich langsam seinem Ziel näherte, war
ihm klar das sein Weg mitten in der konterminierten
Zone enden würde. Bald tauchten vor ihm rechts und
links hellblaue Positionslichter auf und er lenkte
den Hai langsam zwischen ihnen entlang bis zu einer
dunklen, steilen Felswand. Die Lichter führten
weiter in eine schmale Höhle an deren Ende Sakumi
ein großes Licht erblicken konnte. Der Walhai und
sein Pilotfisch schwammen mit einem flauen Gefühl im
Magen in die Riffhöhle und Sakumi knabberte sogar
etwas an seinen Bauchflossen. Nach einem, wie es
ihnen schien, endlos langen Tauchgang durch den
schwarzen Tunnel, immer den Blick starr auf das
Licht gerichtet, schwammen die beiden Reisenden
schließlich in eine große Kammer. Diese war ganz und
gar hellblau erleuchtet, aber Sakumi konnte keine
Lichtquelle ausmachen. Plötzlich hörte er hinter
sich ein leises Klicken. Sakumi drehte seinen Hai
vorsichtig einmal um die eigene Achse und erschrak:
Der Tunnel, aus dem sie gekommen waren war weg,
einfach verschwunden - der Pilotfisch und sein
Walhaifreund schienen gefangen, in einer perfekten,
hellblauen Kugel ohne Ausgang.
Sakumi klammerte sich
an den Walhai und eine seltsame Klarheit
durchströmte seinen kleinen Körper. War dies der
Wendepunkt? Alle seine Sinne schienen erhellt von
dem grellen Licht das die beiden umgab und den
beiden Freunden liefen kalte Schauer der
Unwirklichkeit die Rücken herab.
„Sakumi...Sakumi...“
weckte ein Flüstern den kleinen Pilotfisch aus
seiner geistigen Umnachtung. „Was denn? Wie? Hä!“
„Sakumi“, sagte der Walhai, „schau mal dort drüben,
in der Mitte, da ist eine ziemlich große
Gehirnkoralle und schon seit einer halben Stunde
blinken rote Landelichter. Außerdem schreit schon
ungefähr genauso lange eine genervte Stimme das wir
endlich einparken sollen.“ Sakumi murmelte etwas von
„Hm, jaja, hm sicherheitsbedenken hm...“ und fuhr
dann seelenruhig den Walhaitransporter in die
Riesenkoralle. Dabei tat er selbstredend so, als sei
er nicht noch gerade in tiefer Ohnmacht gewesen ob
der beeindruckenden Ereignisse.
In der Koralle war
alles glatt und weiß und viele kleine Fische
schwammen hin und her und hatten es eilig. „Da seid
ihr ja endlich!“ rief ein Schiffshalter aufgeregt
und wies den Walhai hektisch zu einer Entladestation
und den Fahrer ins Import-Exportbüro. „Bis nachher,
kleiner Walhaifreund“, sagte da Sakumi, nahm seine
Papiere und ging das Büro suchen. Eine attraktive
Seepferdchendame half ihm rührend dabei und so
hatten sie es bald gefunden. Dort saßen an einem
runden, türkisen Glastisch einige Vertreter der
Weltmeerpopulation und sahen den kleinen Fisch mit
großen Augen an. „Sakumi“ sprach da mit tiefer
Stimme ein großer marmorierter Zackenbarsch,
klimperte mit den Augen und wies ihn mit ausladenden
Gesten auf einen freien Platz.
„Heute ist ein großer
Tag und ein trauriger zugleich“, sprach er weiter
und wandte sich an die Runde. Hinter ihm, durch ein
Fenster, sah man einen gewaltigen Hohlraum, ein
Habitat für Millionen von Meeres- und Landtieren,
eine schier unendliche Anzahl verschiedenster Arten
war dort versammelt und spielte Spiele oder las
Bücher. „Sakumi, unser Pilotfisch, hat heute unseren
letzten Passagier gebracht. Wir sind bereit zu
gehen, mit einem weinenden Auge wegen der vielen
Freunde die wir verloren haben und der einstigen
Schönheit dieser Welt, aber voller Hoffnung auf
einen Neuanfang in einer sauberen Welt. Und nun,
öffnet das Tor.“
Alle Augen im Raum
richteten sich auf eine kleine Öffnung in der
Wohnkugel. Und als der winzig kleine, bunte Fisch
herausschwamm, schien die Zeit still zu stehen, die
Tiere im Habitat unterbrachen ihr Spiel oder ihr
Buch und beobachteten ergriffen den Neuankömmling.
„Liebe Freunde, es ist Zeit aufzubrechen,“ wandte
sich der Zackenbarsch erneut an die Fauna dieses
Planeten. „Und zu Ehren unseres letzten, noch
fehlenden Freundes und den letzten seiner Art, taufe
ich dieses Schiff „Mandarin“. Alle Tiere waren nun
ein wenig traurig und sie trösteten und umarmten den
einsamen und wunderschönen Mandarinfisch und luden
ihn zum Essen ein.
Sakumi aber hatte
natürlich inzwischen geschnallt was los war. Deshalb
hatte sich die Meeresqualität nicht mehr verbessert
in den letzten Jahren, überlegte er, weil die Tiere
erkannt hatten das es zu spät war. Und so hatten sie
ein Gefährt gebaut was sie zu einer neuen Welt,
einer gesunden Heimat bringen würde. Sakumi ging
seinen Walhaifreund holen und beide schwammen
zusammen in die große Kugel. Dort suchten sie sich
eine schöne, ruhige Ecke und überlegten wie wohl ihr
neues Zuhause aussehen würde. „Stell dir vor,“ sagte
der Walhai, „ein Meer mit ganz sauberem Wasser und
keinen Fangnetzen und man muß keine Angst mehr
haben. Hach, wär das schön...“ Der Walhai seufzte
und schloss die Augen. „Mhpf, blubb.“ „Könntest du
deinen Übersetzer anschalten“, sagte da der
Pilotfisch zu ihrem neuen Freund, dem Ameisenbär,
welcher mit einem albernen Helm versehen bei ihnen
am Tisch saß. „Entschuldigung.“ Der Ameisenbär
guckte etwas mißmutig. „Ich werde ihre Schokolade
vermissen“, meinte er. Aber da mußten alle lachen
und sie lachten noch lange, immer weiter bis man die
helle, blau leuchtende Kugel mit bloßem Auge schon
lange nicht mehr sehen konnte von der beinahe
ausgestorbenen Erde.
Auf einer völlig
ausgedörrten Sandbank liegen zur gleichen Zeit eine
Mutter mit ihrem Kind. Rostige Ölfässer sind
ausgelaufen, der Sand ist schwarz und rot von Blut.
Das Kind schreit, die Mutter schlägt, entfernt
untersucht ein Mann einen letzten technischen
Gegenstand, drückt einen Knopf und vollbringt damit
sein letztes und erstes Werk.
„Vor uns die
Sintflut“, denkt Sakumi, als er aus einem
Sichtfenster den neuen, blauen Planeten erblickt und
eine Träne läuft seine gelb-weiß gestreiften Wangen
herunter, eine dicke Träne des unendlichen Glücks.
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