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Ich hatte sie 35 Jahre
nicht mehr gesehen und nun saß sie da einfach so
herum, direkt vor meiner Nase. Die Zeit war
selbstverständlich stehen geblieben und sie strahlte
mich an, sie war mein bester Freund, immer noch. So
lange wartete ich jetzt schon auf diesen Augenblick
und ich hatte geschworen nicht zu zerbrechen, nicht
nach all diesen Jahren. „Ich liebe dich noch immer“,
sagte ich.
Ich springe ins Wasser und lasse mich treiben.
Nichts wird jemals mehr so sein wie es einmal war.
Sonnenstrahlen gleiten über meine Arme während ich
langsam versinke. Ich glaube, es war noch nie so
ruhig und so blau, das Meer. Ich wußte garnicht
wieviel verschiedene Blaus es geben kann. Aber wenn
man langsam versinkt, scheint jeder Zentimeter Meer
eine andere Farbe zu haben.
„Wie am allerersten Tag. Obwohl, vielleicht eher so
wie am dritten, oder zwölften.“ Sie antwortete
nicht. Ich hatte das deutliche Gefühl in einem Roman
von Marquez zu sitzen und eine Träne rann meine
Wange herunter. „Ich habe dich nie geliebt,“ schrie
sie. Also, sie schrie nicht wirklich, sondern mehr
insofern das sie immer schrie wenn sie redete.
Ich stelle mir vor
ich bin ein Astronaut und garnicht auf der Erde.
Stimmte ja auch irgendwie. Naja, ob nach oben oder
nach unten ist ja eigentlich auch egal, letztlich.
Ein kleiner gelber Drückfisch kommt und schubst
mich. Ob er Ärger haben will? Nachdem ich ihn wüst
beschimpfe geht er beleidigt weg. Vielleicht holt er
ja jetzt seine Brüder. Aber ich will mich ja
garnicht streiten. Nur weiter versinken, in Ruhe.
„Sag es mir, sag mir
das du in all den Jahren jemanden getroffen hast,
mit dem du mehr teiltest, der dir vertrauter war,
der dich mehr geliebt hat und mit dem du dich so
verstanden hast, wie mit mir. Sag es mir.“ Sie
schwieg. „Was ist Liebe denn? Was ist es für dich?
Natürlich liebst du mich, du hast mich immer
geliebt. Das was du suchst, gibt es nicht. Gott im
Himmel! 35 Jahre!“ Die Frau, die ich unmerklich
einfach immer weiter geliebt hatte saß mir gegenüber
und sah in den blauen Himmel. Der Wind strich ihr
durchs Haar und wehte ansonsten nur doof in der
Gegend herum. „Es tut mir leid,“ sagte sie. „Ich
liebe dich nicht.“
Das Blau wird
dunkler und mir sympathischer. Ich fand es immer
schon interessanter einem Hai etwas nettes
nachzusagen als einem politisch korrektem Delphin
etwas böses. Ich sinke tiefer, aber es bleibt hell
um mich – kleine Laternenfische werden mir sicher
den Weg zum Grund leuchten, oder die kleine Sonne in
meinem Herzen. Plötzlich tauchte vor mir ein
ziemlich großer Blauhai auf und fühlte sich gestört.
„Ach, leck mich doch am Arsch!!! Du dumme Sau!!!“
schrie er mich ganz fürchterlich an. Ich hatte das
schon mal irgendwo gehört. Der Blauhai war auch
ziemlich schnell nicht mehr so in Rage und wurde
zutraulich. Und dieser Blauhai war auch wirklich ein
ganz lieber. Er blieb sehr lange und half mir nach
unten. „Sag mal, wohin willst du eigentlich?“,
fragte er mich. „Nun, ich will nicht irgendwohin.
Ich sinke. Das ist etwas anderes. Es hat nichts mit
wollen oder müssen oder können zu tun. Es passiert.“
Der Blauhai war nicht zufrieden. Etwas in seinem
Gesicht wies deutlich darauf hin. Ich glaube es hat
damit zu tun das ich stumpfe Tiere ganz schrecklich
finde. Tiere müssen schnittig sein. Vögel haben
aufgrund ihrer Schnäbel natürlich entscheidende
Vorteile auf meiner Sympathie Skala, aber unter
Wasser trifft man selten welche, außer kleine
schwarze Raben. Also, hier unten ist der Hai sicher
der schnittigste. Ihren Unmut bekunden Haie
gegenüber mir indem sie sich verstumpfen. Das kann
sehr unangenehm sein und sieht auch echt scheiße
aus. Dieser sehr liebe Blauhai wurde jedenfalls
immer stumpfer bis er verloren hatte. Enttäuscht
sank ich tiefer und ließ den stumpfen Blauhai zurück
in Höhen wo stumpfe Blauhaie nun mal stehenbleiben
müssen. Ich aber ging weiter, langsam war nichts
mehr zu sehen außer dem Licht der kleinen
Laternenfische.
Sie war eigentlich
noch immer genauso wunderschön wie früher, die Zeit
hatte ihre Züge noch klarer, härter gemacht. Ich war
kein junger Mann mehr, wie damals, als wir
unzertrennlich waren, mein Leben neigte sich langsam
den Entscheidungen, mein Leben war meine Liebe zu
ihr. Das war allerdings schon klar gewesen als ich
ihr nach kurzer Zeit verfiel, also machte ich darum
jetzt auch nicht allzu viel Brimborium. Sie stand
jetzt auf, umarmte mich den Umständen entsprechend
herzlos und ging.
Es stimmt übrigens
nicht, daß ab gewissen Tiefen der Druck weh tut.
Auch meinen Zähnen geht’s prima. Wenn man sich mal
entschieden hat hier unter zu wohnen, oder von da
kommt, tritt die allgemeine
Meerjungfrauen-Verordnung in Kraft. Aber das die
Meerjungfrauen erst herauskommen wenn man sich
entschieden hat und das man dann auch noch reine
Liebe vorweisen muß ist stark übertrieben.
Vielleicht ist es sogar genau andersherum.
Jedenfalls ist alles gelogen, man kann ohne Probleme
bis auf den Grund und weiter sinken ohne Schaden zu
nehmen. Wenn ihr also das nächste Mal irgendso ein
Tauchergefasel zu hören kriegt, zögert nicht sondern
haut dem Hansi die Flossen vor den Kopf bis er seine
alberne Taucherkrankheit bekommt oder ihm die
Füllungen aus den Zähnen fliegen. Aber bitte
vorsichtig.
Ich blieb noch ein
wenig sitzen, sah mir den Hafen an, die Schiffe die
die Mündung hinauf- oder herunterfuhren und die
vielen Menschen, die im Staub und in der Hitze
nervös hin und her sprangen. „Nun gut,“ dachte ich.
„Es ist kein Vogel, das Leben. Kein Vogel, nicht mal
ein kleiner.“
Zurück zu meinem
Laternenfisch. Ein Witzbold hat meinen
Beleuchterfreund eine Hellblaue Birne in die
Rückenflosse gedreht. Haha. Sehr lustig. Der
Leuchteffekt ist ungefähr Null bis minus zwei.
Trotzdem laß ich mich von inzwischen 12Millionen
Tonnen Wassersäule gemütlich weiter nach unter
drücken. Eben kam eine Meerjungfrau vorbei und
wollte mich becircen. Groß, stark, schön,
intelligent und zuvorkommend war sie. Ich habe den
Laternenfisch genommen und sie nach oben geprügelt.
Und jetzt bin ich mir auch sicher: Das Leben ist ein
Hai, ein kleiner, niedlicher, weißer Hai.
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