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Die allerliebsten
Freundinnen die man haben kann sind, dies sage ich
ohne die geringste Scham, kleine Eidechsenfrauen.
Und eine, eine ist ganz besonders gut. Sie wohnt auf
einer kargen Insel im Mittelmeer, in einem
wunderschönen, geweißten Häuschen ganz nah an der
Küste. Und ganz zufällig ist es am heutigen Tag vier
Jahre her, daß ein kleiner, junger Mann sie sich zur
Frau nahm und bei ihr einzog, mit all seinen
großformatigen Büchern, Kleidungsstücken und einem
riesigen Fernseher. Die beiden hatten damals
schrecklich viel umbauen müssen, denn Chasey, so
heißt die schmale, zauberhafte Eidechsenfreundin,
ist ja nur ungefähr so groß wie mein Mittelfinger
und daher war ihre Wohnung für einen Menschen doch
etwas knapp bemessen. Chasey und ihr Mann bauten ein
neues Haus mit bloßen Händen, dazu eine Terasse mit
Blick auf das Meer, einen Swimmingpool und ein
eidechsensicheres Klo aus weißem Marmor. Sie haben
überall in der Wohnung große und kleine Pflanzen
aufgestellt und hölzerne Mini-Leitern für das
Eidechsenmädchen, damit sie auch an alles drankommt.
Im Schlafzimmer gibt es ein Aquarium und einen
Flokati und Chasey und ihr Mann liegen morgens immer
noch ganz lange im Bett und sehen der Sonne beim
Aufgehen zu und aufs Meer und dann blicken sie sich
verträumt an und sind glücklich. Tagsüber geht die
übrigens unerhört attraktive Eidechsenfrau dann auf
die Terasse und sonnt ihren nackten wohlgeformten
Körper bis der kleine Mann mit einer winzigen
Eidechsenglocke zum Abendessen läutet. Chasey liebt
es bekocht zu werden. Ja, diese beiden haben sich
gefunden, es ist ein absurder Traum der schöne
Wirklichkeit geworden ist.
Ich stehe im
Wohnzimmer und schaue durch die gläserne Terassentür
nach draußen. Chasey liegt am Pool und liest ein
Buch über Quantenphysik. Ich lächle ein grausames
Lächeln. Und denke, vor vier Jahren war alles
irgendwie noch so richtig doof.
Der junge Mann hatte
sein Glück damals schlicht und einfach restlos
aufgebraucht. Er saß in seiner verregneten,
langweiligen Stadt, hatte zu lange studiert, zu
lange auf Erfolge gewartet, seine Träume vertröstet
und natürlich keine Frau zum liebhaben, wie das halt
so ist wenn man Ende zwanzig ist. Es reichte ihm, er
hatte keine Lust mehr. Sein Plan war eigentlich
gewesen, zufällig genug Geld zu erlangen und ab auf
die Insel. In einem Anfall von Realismus packte er
hektisch alle seine wichtigen Sachen ein und machte
sich auf den Weg, ohne das Geld. Und ohne die
meisten wichtigen Sachen, denn in eine alberne Nike
Sporttasche passen keine fünf Bücherregale und schon
gar kein großer Fernseher. Trotzdem ist er einfach
weg, in den Flieger und auf eine kleine spanische
Insel. Dort angekommen mußte er allerdings wiederum
feststellen das er selten so eine beschissene Idee
gehabt hatte. Denn nach zwei Tagen war das Geld
alle, er hatte keinen Platz zum Schlafen und Hunger,
sowie Durst. So lag er am völlig verwaisten Strand
irgendwo am Arsch der Welt und war so weit wie
zuvor. Naja, obwohl, er war am Ende zwar, aber
dieses wenigstens am Meer. Die Sonne verbrannte ihm
den Kopf und der Sand war heiß und der junge Mann
beschloss vorsätzlich etwas auszutrocknen. Dann, in
einem neuerlichen Anfall von Lebensmut, schleppte er
sich auf allen Vieren ein wenig die Klippen hoch,
kroch durch ein paar Bougainvillas und über rotes
Gestein bis er inmitten der Wüste eine alte Zisterne
gefunden hatte. Die eiserne, rostige Pumpe
verweigerte hartnäckig ihren Dienst, also schob er
mühsam das Brett beiseite, welches das Loch bedeckte
und lugte vorsichtig über den steinigen Rand.
Selbstverständlich war da nichts spektakuläres zu
entdecken. Ein schwarzes Loch, kein Grund zu sehen.
Am Rande der geistigen Umnachtung rief er ins Dunkel
hinein. „Halloooo....Hallohoooo....“ Und eine feine,
liebliche Frauenstimme antwortete: „Ja, bitte? Was
gibt es denn?“ „Huch“, dachte der junge Mann, „da
antwortet ja jemand... Ich muß wahrlich den Verstand
verloren haben. Mist.“ Trotzdem konnte er sich nicht
verkneifen noch mal nachzufragen. Und so rief er
erneut in den Brunnen hinab: „Nun, äh, hehe. Ja, ich
hätte gern ein wenig Wasser bitte, wenn das ginge.“
Die Stimme antwortete sogleich: „Oh, wenn das so
ist. Komm nur herein, ich wohne hier unten, du bist
eingeladen. Komm, hopp!“
Es war keine einfache
Entscheidung. Entweder er war total bescheuert
geworden und würde eventuell hier oben verdursten,
oder er war total bescheuert geworden und würde in
den Brunnen springen. „Naja, was soll es“, dachte
er, rief „Oh, danke, ich komme dann jetzt mal“,
robbte weiter und ließ sich fallen und er fiel lange
und weit und tief.
Als er wieder
erwachte, war es dunkel um ihn und es roch nach
Erde. Außerdem saß er in einer Pfütze und hatte
Kopfschmerzen und ihm war kalt. Was war nochmal
passiert? Ach ja, er war in den Brunnen gesprungen,
etwas hatte ihn gerufen und er war gesprungen. Hatte
er alles nur geträumt? Er war lange in der Sonne
gewesen, seine Kehle war trocken, vielleicht hatte
er einen Sonnenstich. Aber es hatte ihn doch eine
liebliche Frauenstimme gerufen, oder nicht? Er
räusperte sich, versuchte seine Arme zu bewegen.
Scheinbar war nichts gebrochen und er räkelte sich
ein wenig, versuchte dann umständlich seinen Durst
an der dreckigen Brunnenpfütze zu stillen.
„Na, also, ich würde
das nicht trinken“ hörte er plötzlich die bekannte
Stimme sagen. „Was? Hallo? Wer ist da, wo bist du?“
stammelte der junge Mann. Zwei Meter vor ihm
erleuchtete ein kleines Licht. „Hier bin ich“. Eine
kleine Eidechse stand vor ihm, mit einer Kerze in
der Hand und blickte ihn mit großen Reptilienaugen
an. „Ich muß verrückt geworden sein...“ dachte der
Mann der in den Brunnen gesprungen war und schloß
die Augen. Als er sie wieder öffnete war die
Eidechse allerdings immer noch da und saß inzwischen
auf seinem rechten großen Zeh. Sie lächelte und
sprach mit ihrer rauchigen Frauenstimme „Ich heiße
übrigens Chasey und bin eine Wunscheidechse. Du mußt
mich nur küssen und du löst den Fluch der auf mir
liegt. Ist das nicht ein tolles Angebot?“ Der Mann
hatte inzwischen aufgegeben und nahm die Umstände
einfach so hin wie sie waren. „Ja, warum nicht“,
sagte er resignierend. Und Chasey rannte schnell bis
auf seine Hand und schürzte ihre Lippen. Er sah die
kleine Agame noch mal genauer an und hielt sie nah
vor sein Gesicht. Dann gab er ihr einen kleinen,
aber feinen Kuß auf den Mund und im nächsten
Augenblick gab es einen grellen Blitz. Der Mann war
geblendet und ein Sturm wehte plötzlich, er spürte
die kleine Eidechse nicht mehr auf seiner Hand und
mußte sich sogar an der Mauer festkrallen um nicht
von der Wucht des zauberhaften Ereignisses
umgeworfen zu werden. So schnell wie es begann, war
es aber auch wieder vorbei. „Chasey? Wo bist du? Ist
alles in Ordnung?“ fragte er vorsichtig. Aus der
anderen Ecke erklang ein leises Husten. „Ja, ich bin
OK. Ich danke dir, du hast mich erlöst“ sprach
Chasey. Und sie lief wieder zu dem Mann um sich zu
bedanken. Der Mann war etwas überrascht als sie die
Kerze anzündete und immer noch eine kleine Eidechse
war. „Äh, Chasey, ich dachte du wärest erlöst von
deinem Fluch?“ sagte er. „Ja, bin ich auch. Wieso?“
„Nun, ehem, ich hatte erwartet das du dich in eine
tolle Prinzessin zurück verwandelst oder so. Und,
naja, wir heiraten und ein glückliches Leben führen,
zusammen oder so. Ist das nicht der normale Vorgang
bei solchen Märchen und Verwünschungen?“ Chasey
schaute traurig. „Ja aber, magst du mich denn nicht
so wie ich bin?“ Der junge Mann drückte sich um die
Antwort. „Na gut,“ sprach da Chasey, „Dann wollen
wir doch mal sehen“. Und die kleine Eidechse
verschwand in einer kleinen Mauerspalte. Für einige
Minuten hörte man sie eilig herumlaufen und
hantieren, dann ging irgendwo oben rechts ein rosa
Scheinwerfer an und erhellte einen flachen Stein auf
dem Boden des Brunnens. Leise Musik erklang aus den
modrigen Gemäuern und als Chasey den Stein betrat
wie eine Mini – Eidechsenbühne, da verschlug es dem
Mann die Sprache. Chasey hatte sich ihren sexy
Leopardenfelltanga angezogen und sich die Haare neu
gemacht und strahlte eine Anmut aus die ihm vorher
nicht aufgefallen war. Alles war ihm plötzlich klar,
natürlich, warum sollten Menschen und Eidechsen
nicht zusammen passen? Und Chasey war, genau
genommen, eigentlich exakt sein Typ. Also nahm er
sie in beide Hände und in den Arm und dann
knutschten beide bestimmt 10 Minuten, wobei der Mann
die Vorteile eine Doppelzunge zu schätzen lernte.
Dann sah die schmale Eidechse ihm in die Augen und
sagte: „So. Und jetzt besorge ich dir erst mal was
zu trinken, damit du mir nicht vor unserer Heirat
noch verdurstest.“ Und Chasey deckte einen kleinen
Tisch. Dann brachte sie einen leckeren Maulwurfswein
und für sich ein Eidechsenbier, auch ein kleines
Mahl bereitete sie zu und so aßen die beiden
Kreuzspinnenragout mit Manganknollen auf dem Grunde
des Brunnens, tranken danach fröhlich einen
Wacholderschnaps, sprachen über allerlei Dinge und
hatten sich lieb. „Weißt du eigentlich inzwischen
was es für ein Fluch war der auf mir lag?“ fragte
Chasey ihn nach einiger Zeit. Aber der junge Mann
hatte ganz vergessen danach zu fragen. „Nein, ich
weiß es nicht, sag es mir?“ „Ich war verflucht dazu
in diesem Brunnen zu leben und nie mehr nach oben zu
kommen. Dieser Fluch konnte nur aufgehoben werden,
dadurch das ein Mensch der mich liebt aus freien
Stücken beschließt bei mir zu sein. Man dachte
damals wohl das sei sehr unwahrscheinlich. Hehe.
Naja. Aber dann kamst ja du, mein Schatz.“ Die Sonne
stieg auf ihren höchsten Punkt, es schien ein
Lichtstrahl auf die beiden. Und sie sahen verträumt
nach oben in den azurblauen Himmel. „Komm, wir gehen
wieder ins Helle“, sprach da Chasey und nahm ihn bei
der Hand.
Es stellte sich heraus
das Chasey in der Tat eine Prinzessin war und dazu
noch eine sehr wohlhabende. Ihre Verwandten waren
sehr glücklich sie wiederzusehen und vergossen
Eidechsentränen der Freude. Und alle halfen sie mit
beim Umbauen ihrer alten Wohnung, damit das
frischverheiratete Paar auch bequem zusammen leben
konnte. Der junge Mann kaufte Chasey ganz viele neue
Kleider und im Kühlschrank war von da an immer ein
Kasten feines, kühles Eidechsenbier. So eine tolle
Freundschaft hatte die Insel noch nicht gesehen und
auch alle anderen Eidechsen und der gesamte
restliche Tierfreundeskreis waren glücklich und alle
zusammen feierten sie ein rauschendes Fest, zwei
Wochen lang.
Ja, das alles war vor
vier Jahren geschehen, denke ich, atme tief ein,
lasse mich von der Sonne streicheln und sehe weiter
nach draußen auf das Meer. Es geht mir gut.
Plötzlich kitzelt etwas meine Füsse und dann meine
Beine und dann meinen Rücken und dann meinen Hals
und ehe ich mich versehe blicken mich die zwei
schönsten Augen der Welt an und sie sagt mit ihrer
allerschönsten, rauchigsten Stimme, „Komm, wir gehen
wieder ins Bett“ und ich lache und dann habe ich
schon ihre kleine doppelzüngige Eidechsenzunge im
Gesicht und bin der glücklichste Mensch der Welt.
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